Meine ganz persönliche Pariser Sauna
Ich liebe Wellness.
Sauna, warmes Wasser, ein bisschen Ruhe und einfach mal nichts müssen – ich bin sofort dabei. Hauptsache, ich kann selbst entscheiden, wann die Hitze beginnt und vor allem, wann sie wieder aufhört. Dass diese Bedingung einmal sehr wichtig für mich werden würde, wusste ich allerdings noch nicht, als ich vor einem Jahr nach Paris zog. Nach vier Jahren in Köln dachte ich: Ich mache mal wieder etwas anderes. Ich wollte mein Französisch auffrischen, mit Kindern arbeiten und für zehn Monate in Frankreich leben. Also packte ich meine Sachen und zog in ein großes Haus in der Nähe von Paris. Meine Vorstellung war ziemlich romantisch: Frankreich, neue Menschen, eine neue Sprache und jede Menge neue Erfahrungen. Und Erfahrungen sollte ich definitiv sammeln. Das Haus war riesig – immerhin hatte dort vorher eine achtköpfige Familie gewohnt. Vier Etagen, ein großer Wohnbereich mit Küche, zwei Sofas, einem großen Tisch und Fernseher. Vom Wohnbereich führte außerdem eine Treppe direkt auf die große Dachterrasse. Ich sollte mir dieses Haus mit insgesamt neun anderen Mitbewohnerinnen teilen. Mein Zimmer befand sich ganz oben, im sogenannten Mezzanin. Das klang zunächst ziemlich charmant. Bis ich an meinem ersten Tag ankam. Denn mein „Zimmer“ war eigentlich eine Galerie. Es gab keine richtigen Wände. Ich konnte von oben direkt in den großen Wohnbereich schauen – und vermutlich konnten die neun anderen genauso gut zu mir hochschauen. Privatsphäre war in diesem Haus also eher ein Wunsch als ein architektonisches Konzept. In den nächsten Tagen wurden immerhin provisorische Wände eingebaut. Damit hatte ich dann offiziell ein eigenes Zimmer. Also theoretisch. Denn die Wände waren so hellhörig, dass ich gefühlt am gesamten WG-Leben teilnehmen konnte, ob ich wollte oder nicht. Ich hörte, wenn jemand in die Küche ging, wer sich auf welches Sofa setzte und vermutlich auch, wenn jemand einen Löffel aus der Schublade nahm. Aber gut: Ich war schließlich nach Frankreich gezogen, um neue Erfahrungen zu sammeln.
Dann kam die Hitzewelle.
Und plötzlich wurde aus meinem Zimmer ein sehr exklusiver Wellnessbereich. Nur leider ohne Ruheraum, Aufgussplan oder die Möglichkeit, die Temperatur selbst zu bestimmen. Es wurde unglaublich heiß. Irgendwann waren es in meinem Zimmer gefühlt 45 Grad. So heiß, dass selbst meine drei schmalen Kerzen beschlossen, ihren Dienst zu quittieren. Eines Abends saßen wir unten im Wohnbereich, als es plötzlich aus meinem Zimmer laut knallte. Einmal. Und dann noch einmal. Wir schauten uns an und fragten uns, was um Himmels willen da oben passiert war. Als ich schließlich nachsehen ging, war die Ursache schnell gefunden: Meine Kerzen waren der Hitze nicht gewachsen und hatten sich kurzerhand aus ihren Kerzenständern verabschiedet. Zwei davon habe ich heute noch. Sie sind ein bisschen schief und verformt – kleine Andenken an meinen Pariser Sommer. Die dritte Kerze? Verschollen. Bis heute. Vielleicht liegt sie noch irgendwo in meinem ehemaligen Zimmer. Vielleicht hat sie sich irgendwann selbstständig gemacht und lebt inzwischen ihr bestes Leben in Frankreich. Ich jedenfalls hatte irgendwann genug von meinem persönlichen Wellnessbereich. Zum Schlafen war es in meinem Zimmer sowieso viel zu heiß. Also schnappte ich mir meine Matratze und zog auf die Dachterrasse. Zum Glück war sie groß genug, dass dort problemlos mehrere Matratzen Platz hatten. Und so lag ich nachts unter dem Pariser Himmel, während unten meine neun Mitbewohnerinnen ihren Alltag lebten und ich mich fragte, wie genau ich eigentlich von Köln nach Paris gekommen war – und dabei in einer Mischung aus WG, Dachterrassen-Campingplatz und Sauna gelandet war. Rückblickend muss ich vor allem darüber lachen. Denn eigentlich war ich nach Frankreich gezogen, um mein Französisch zu verbessern. Stattdessen habe ich gelernt, wie man bei 45 Grad auf einer Dachterrasse schläft und wie man eine Kerze verliert, ohne sie jemals irgendwohin mitgenommen zu haben. Und ich habe etwas über Wellness gelernt. Ich liebe Sauna. Ich liebe Wärme. Ich liebe Wellnesshotels. Aber seit meiner Zeit in Paris weiß ich: Wellness macht vor allem dann Spaß, wenn man selbst entscheiden kann, wann die Hitze beginnt – und wann man wieder herausgeht. Freiwillig in die Sauna? Jederzeit. In einem warmen Whirlpool entspannen? Sehr gerne. Eine Nacht auf der Dachterrasse unter dem französischen Sternenhimmel? Inzwischen irgendwie auch. Aber 45 Grad im eigenen Zimmer, während die Kerzen aus ihren Halterungen flüchten? Das muss ich nicht noch einmal haben. Vielleicht ist genau deshalb mein perfekter Wellnessurlaub heute ein Ort mit einer richtig guten Sauna, einem gemütlichen Zimmer und – ganz wichtig – einer Tür, die man hinter sich schließen kann.
Denn nach zehn Monaten Paris weiß ich:
Ich möchte beim nächsten Mal selbst entscheiden, wann ich schwitze.
Und meine Kerzen vermutlich auch.
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