Mit frisch gebackenen 18 Jahren wollte ich die Welt entdecken. Mein damaliger Freund und ich kommen aus dem Südwesten Deutschlands und waren beide noch nie außerhalb Europas. Uns zog es also so weit weg, wie man eben kommt: nach Neuseeland.
Voller Vorfreude und Aufregung stiegen wir im Oktober 2016 mit unseren vollgepackten Rücksäcken ins Flugzeug.
Nach zwei Langstreckenflügen – für mich die ersten überhaupt – kamen wir endlich in Auckland an. Im Hostel eingecheckt machten wir uns direkt auf die Suche nach einem passenden Campervan, der unser Zuhause für die nächsten Monate werden sollte. Schnell stellten wir fest, dass so ein Kauf ohne Auto-Kenntnisse und in einem fremden Land gar nicht so einfach war. Nach einer Woche aber fanden wir ihn dann: unseren Elvis. Liebevoll getauft nach dem Motto „more hits than Elvis“ – ziemlich verbeult, verkratzt und mit ein paar fragwürdigen Flecken im Innenraum. Aber: bezahlbar, direkt verfügbar und auch irgendwie sympathisch.
Mein Freund nähte uns Vorhänge, wir hängten unsere mitgebrachten Lichterketten auf und klebten ein paar Bilder unserer Familie und Freunde an die Decke über unserem Bett. So waren wir nach 10 Tagen im Hostel endlich startklar für unser Abenteuer.
Zuerst erkundeten wir die wunderschöne Nordinsel Neuseelands mit ihren tollen Küsten, weiten Landschaften und unzähligen Wasserfällen.
Schnell wurde uns bewusst, dass dieses Land sehr viel zu bieten hat, aber auch unheimlich teuer ist. Blauäugig wie wir waren, war unser Angespartes nach 6 Wochen schon fast aufgebraucht. Uns war zwar klar, dass wir nicht nur reisen würden, so schnell aber schon Arbeit zu suchen, war ein kleiner Dämpfer.
Was macht man also nun ohne Ausbildung und Berufserfahrung in Neuseeland?
Richtig. Man arbeitet – um allen Klischees gerecht zu werden – auf einem Kiwifeld. Die Arbeit war körperlich sehr anstrengend, aber wir machten das Beste aus den freien Tagen und knüpften einige Kontakte auf dem Campingplatz, auf dem wir in unserem Elvis wohnten. So hatten wir kurz vor Weihnachten eine spektakuläre Wanderung für unseren freien Tag geplant, die uns schon so oft empfohlen wurde.
Ich hatte trotz kleinerer Wanderungen, die wir schon gemacht hatten, nicht die beste Ausdauer – vor allem, wenn es sich um Anstiege handelt – vertraute aber blind auf meinen Freund, der die Route für uns plante. „Nur 20 Kilometer an der Küste entlang.“, „da ist es bestimmt flach“. Hätte ich das mal lieber selbst recherchiert…
Gegen 10 Uhr am Vormittag machten wir uns gemütlich auf den Weg und ließen uns mit einem Wassertaxi an den Ausgangspunkt der Wanderung bringen. Das Wetter war fantastisch und wir hatten super Laune. Diese Laune hielt bei mir aber nur bis zum zweiten Anstieg an. Der Wanderweg ging zwar tatsächlich an der Küste entlang – aber diese Küste war eine Steilküste. Es war also super bergig und wenn überhaupt nur wenige Meter am Stück flach.
Entsprechend meiner Kondition brauchten wir für jeden Kilometer viel länger als gedacht.
Als ich gegen 14 Uhr auch noch Hunger bekam, war die Laune endgültig im Keller. Als mein Freund dann auch noch die Frechheit besaß, mir zu sagen, dass er gestern Abend noch einen Teil des vorgekochten Nudelsalats gegessen hatte, stand ich kurz vor einem Sprung von der Klippe. Mit Unterzucker bin ich wirklich für nichts zu gebrauchen und werde richtig grantig. Ich weiß deshalb auch nicht, wie mein – noch gut gelaunter – Freund auf die Idee kam, ein Bild von mir zu machen. Jetzt war ich kurz davor, ihn von der Klippe zu schubsen.
Zum Glück für ihn wendete das Essen diese Idee ab und der Mord war erst mal vom Tisch. Vor allem weil er extra noch einen Müsliriegel für mich eingepackt hatte.
Also ging es mehr oder weniger gestärkt weiter. Zu dem Zeitpunkt hatten wir allerdings noch knappe 16 Kilometer vor uns. Die nächsten Stunden ging es weiter auf und ab an der Küste entlang. Auf dem Weg begegneten uns einige andere Wanderer, von denen wir meist überholt wurden. Wasser hatten wir zum Glück genug dabei. Entsprechend war es irgendwann soweit – ich musste mal. Toiletten waren aber eher selten in der Wildnis, weshalb ich umso glücklicher war, als ich doch tatsächlich ein Schild mit der Aufschrift „WC“ entdeckte. Ich folgte prompt dem Pfeil zu dem Plumpsklo. Als ich ankam, war besetzt und ich wartete. Nach einigen Minuten kam ein Mann aus der Kabine und streckte mir eine halbe Rolle Toilettenpapier entgegen. Ich sah ihn fragend an. Er deutete in das Häuschen und sagte „It´s all.“. Mir wurde schlagartig klar, dass dieser Mann nicht nur aus Deutschland war, sondern sogar aus unserer Gegend stammen musste. Er hatte – für mich völlig verständlich – die Aussage „´s isch all.“ übersetzt. Was im Dialekt so viel bedeutet wie „Das ist leer.“. Ich musste mir ein Lachen verkneifen, bedankte mich und nahm das Toilettenpapier entgegen.
Weiter ging die Wanderung. Gegen 19 Uhr hatten wir noch immer 3 Kilometer vor uns und uns wurde langsam bewusst, dass es ja auch irgendwann dunkel werden würde. Also mussten wir jetzt auch noch schneller werden. Zu allem Elend bekam ich auch schon wieder Hunger.
Wir liefen schweigend hintereinander her und ich glaube im Nachhinein, mein Freund hatte einfach nur Angst vor mir. Und ganz ehrlich – nicht zu unrecht.
Gegen 20:30 war die Sonne untergegangen und es dämmerte bereits. Als ich dann völlig erschöpft aus der Ferne einen einsamen Campervan auf einem Parkplatz entdeckte, dachte ich zuerst, ich würde halluzinieren. Aber da war er – Unser Elvis. Noch nie – und auch nie wieder – war ich so froh, ein Auto zu sehen.
Wir holten uns auf dem Rückweg zum Campingplatz eine Pizza und ich malte mir bis zum Einschlafen aus, wie ich mich in einer Sauna und einem Whirlpool von den Strapazen dieses Tages erholen könnte. Erst als am nächsten Tag der Wecker für die Arbeit auf dem Kiwifeld klingelte, wurde ich aus diesem Traum gerissen.
Die nächsten Wanderungen – insbesondere auf der bergigen Südinsel – machte mein Freund dann alleine. Wir waren uns einig, dass das für uns beide und unsere Beziehung besser sei.
Ich verbrachte die Stunden dann alleine mit Elvis und hatte die Zeit meines Lebens. Meist träumte ich wieder von einem Wellnessurlaub, in dem ich mich nur erholen und essen konnte.
Als wir im Mai 2018 unseren Elvis verkauften, um nach Deutschland zurückzukehren, konnten wir kaum fassen, wie schnell die Zeit vorbeigegangen war.
Zu Weihnachten 2018 schenkten unsere Eltern uns ein Wochenende im Wellnesshotel Krone Lamm im Schwarzwald. Es war, als ob ich endlich diesen Traum leben könnte, den ich in Elvis immer geträumt hatte.
Heute – 10 Jahre nach der Reise – sind wir nicht mehr Freund und Freundin, sondern verlobt und planen unsere Hochzeit. Und bis heute traut sich mein Verlobter nicht, mich in hungrigem Zustand zu fotografieren oder mein gerichtetes Essen auch nur zu berühren. Vielleicht ist das sogar das Geheimnis unserer Beziehung.
Und jedes mal, wenn Zuhause das Toilettenpapier leer geht, rufen wir uns aus dem Badezimmer zu „it´s all.“.
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