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Sehnsuchtsort Schweiz – Interlaken

Zwischen Seen, Bergen und Himmel

Andrea Labonte Hoteltesterin Kolumne von Andrea Labonte
Eigentlich wäre die Hoteltesterin Andrea Labonte an diesem Freitagmittag Anfang März auf die Seychellen geflogen. Die Reise war lange geplant. Doch dann kam "Corona" und machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Und noch bevor sich die Lage dramatisch zuspitzte, fährt sie mit dem Auto in die Schweiz, zählt Seen, reist in einem Grand Hotel schwimmend durch die Zeit, stürmt das Joch des Jungfraumassivs und gleitet über den Thunersee. Dabei erlangt sie hoch oben in der Luft die Erkenntnis, dass das Außergewöhnliche nicht unbedingt am anderen Ende der Welt zu finden ist. Träumen Sie sich in die Stadt zwischen den Seen („Interlaken“) und sammeln Sie Reise-Inspirationen für die Zeit nach der Corona-Krise.

Acht Seen in fünf Stunden – das kann nur die Schweiz

Paragliding Schweiz Interlaken
Hoteltesterin Andrea Labonte beim Paragliding über dem Thuner See.
Es geht vorbei an Landschaften, die so seelenvoll sind, dass ich erschauere. Ein See scheint nahtlos in den anderen zu fließen, während sich die schneebedeckten Berggiganten die Hände reichen und die grün funkelnden Gewässer andächtig umschließen. Die Natur zeigt sich an diesem sonnenbeschienen Märzsonntag auf dem Weg vom südlichen München nach Interlaken von einer verschwenderischen Schönheit. Acht Seen in fünf Stunden und hundert Mal so viele Berge rauschen während unserer Autofahrt an uns vorbei. Eigentlich wollte ich schlafen. Aber die Natur ist so erstaunlich, dass ich kein Auge schließe. Welcher See ist der Schönste? Ist es der Walensee, der plötzlich so unvermittelt mit seiner Steilwand vor uns auftaucht? Oder doch eher der verwunschene Wichelsee? Ich kann mich nicht entscheiden. Denn auch der Sarnersee, genau wie der Türkis schillernde Brienzersee erscheinen dem grauen Alltag, aus dem ich vor ein paar Stunden aufgebrochen bin, entrückt. Ich denke an Tiziano Terzani, den Reisejournalisten, der sich die Welt aus Angst vor einem prophezeiten Flugzeug-Absturz für ein Jahr nur fahrend erschloss. Er hatte Recht. Denn so wird der Weg das Ziel. Und ich erkenne, dass man in Zeiten von Corona und Nachhaltigkeitsdebatten tatsächlich nicht um die halbe Welt reisen muss, um das Glück zu finden. Eine Autofahrt an einem Sonntagnachmittag ins Land der Präzisionsuhren reicht da schon aus.

Besuch einer Grande Dame: Victoria-Jungfrau Grand Hotel & Spa

Pool Victoria-Jungfrau Grand Hotel & Spa
Der Pool des Victoria-Jungfrau Grand Hotels & Spa.
Besonders beglückend empfinde ich diese Autoreise allerdings auch, weil mein Ziel das Victoria-Jungfrau Grand Hotel & Spa ist. Dieses aufregend andere Hideaway zwischen Brienzersee und Thunersee beeindruckt mich auf Anhieb durch seine historienträchtige Architektur und seinen außergewöhnlichen Service. Jeder Winkel dieses Prachtbaus strahlt Grandezza, jede Geste Distinguiertheit aus. Umgeben vom imposanten Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau blickt die Grande Dame Interlakens auf eine über 150-jährige Geschichte zurück. So wurden 1899 die beiden Prunkhäuser Victoria und Jungfrau durch einen kuppelgekrönten Mittelbau miteinander verbunden. Die prächtige Fassade wurde schnell zum Wahrzeichen der Schweizer Luxushotellerie. Doch nicht nur die Optik des Hauses ist aufsehenerregend, auch im Inneren finde ich wahre Schätze: Allen voran den 5.500 qm großen „Nescens Spa“. In seinem Zentrum thront der 20 m Pool, den ich als eine Reminiszenz an den Jugendstil des Fin de Siècle empfinde. Hier reise ich im wahrsten Sinne des Wortes schwimmend durch die Zeit, bevor ich mir eine aquatische Fußmassage im 35°C warmen Sole-Außenpool gönne. Umgeben vom warmen Dampf staune ich über den Tanz der Wolken, die den Harder Kulm, den Hausberg Interlakens, verschwörerisch in Nebel hüllt. Neben den verschiedenen Saunen und Dampfbädern hat es auch das „Better Aging“-Konzept des Hauses in sich. Dieses wurde eigens am Zentrum für Altersprävention der Privatklinik Genolier entwickelt.

Italienische Lebensart im Restaurant "Sapori" in Interlaken

Sapori Interlaken
Im italienischen Restaurant „Sapori“, was übersetzt so viel wie „Aromen“ bedeutet, ist alles erlaubt, was kulinarisch beglückt.
Doch nicht nur der Spa des Hauses überzeugt, auch das italienische Restaurant „Sapori“ versteht es, mich zu überraschen. An diesem Ort, unter beeindruckenden Fresken, die rein zufällig bei Renovierungsarbeiten freigelegt wurden, fühle ich mich so lebendig. Mitten im pulsierenden Leben. Der charmante Oberkellner Stefano aus Friaul hat auch kein Problem damit, mir schon zum Secondo, der Dorade, einen Süßwein zu kredenzen, nachdem ich ihm meine Schwäche für liebliche Rebsorten gestehe. Hier scheint alles erlaubt, was kulinarisch beglückt. Ob Steinofenpizza oder ein saftiges Steak mit gegrilltem Gemüse. Nie hätte ich gedacht, dass gegrillter Rosenkohl und Broccoli so köstlich schmecken könnten. Leger kommt sie daher, die gute italienische Küche und garantiert, dass sich auch wirklich jeder, der die stilvoll illuminierte Treppe hinunterschreitet, wohl fühlt. Nach dem Dinner pilgern wir durch die eindrucksvollen Hotelhallen, denn der Abend darf noch nicht zu Ende sein. Wir begeben uns auf eine Entdeckungsreise in die Vergangenheit und durchschreiten elegante Salons, die uns durch ihre ästhetische Opulenz verzücken: Stuckdecken, historisches Mobiliar und überall diese kunstvollen Blumen-Bouquets, die sich meterhoch der Decke emporrecken. Das Flanieren in diesem Hotel ist ein Genuss, der darin gipfelt, dass wir die „Victoria Bar“ aufspüren. Aber nicht ohne vorher noch eine Partie Billard gespielt zu haben. Hinter dem Tresen gibt uns der Kubaner Lazaro Pascual eine seiner Cocktail-Empfehlungen, die wir uns mit den sanften Klängen des Piano-Players schmecken lassen.

On top of Europe: Jungfraujoch – auf 3.571 m im Angesicht des Aletschlgetschers

Eismeer Jungfraujoch Gletscher
Zwischenstation "Eismeer": auf 3.160 m gehen die Passagiere der Jungfraubahn auf Tuchfühlung mit dem ewigen Eis.
Während wir am nächsten Morgen frühstücken und dabei die Sonne beobachten, wie sie sich hinter dem Jungfraumassiv emporschiebt, beschließen wir, uns auf den Weg zur „Spitze Europas“ zu machen. So wird das Jungfraujoch mit seinen 3.454 Metern auch selbstbewusst genannt. Auf geht es mit dem Auto zunächst nach Grindelwald. Nach einer halben Stunde Fahrt durch eine Landschaft, die direkt aus „Heidi“ entsprungen zu sein scheint, erreichen wir das berühmte Schweizer Bergdorf am Fuße der Bergriesen Eiger, Mönch und Jungfrau. Schon beim Aussteigen bin ich überwältigt. So hohe Berge habe ich noch nie in einer solchen Dichte gesehen. Von Grindelwald Grund besteige ich ein Bähnchen, das sich mit sehr viel Patina den steilen Berg zur „Kleinen Scheidegg“ hinaufmäandert. Ich kann ihr Ächzen und Stöhnen förmlich spüren. Und während mich die urigen Almhütten und Wasserfälle vor der hochalpinen Kulisse in ihren Bann ziehen, verdunkelt sich plötzlich der Himmel und ich sehe nur noch Berg: die Eiger Nordwand. Sie ist gigantisch und scheint die Sonne förmlich zu verschlucken. Mit offenem Mund stehe ich auf, um das Naturspektakel ehrfürchtig aus dem Zugfenster zu fotografieren. Dabei ist die Fahrt so kurzweilig, dass ich mich wundere, nach einer halben Stunde bereits im Bahnhof „Kleine Scheidegg“ einzufahren. Von hier, 2.060 Meter über dem Meer steige ich in die Jungfraubahn um. Und plötzlich bin ich so weit oben, dass ich Wolken von Schneegestöber nicht mehr unterscheiden kann. Eben noch in weiß gehüllt und dann mitten im Berg. Die Jungfraubahn kämpft sich ihren Weg hoch hinauf durch den 7,1 km langen Tunnel durch Eiger und Mönch. Erst an der Zwischenstation Eismeer sehe ich wieder den Himmel und das ewige Eis. Das Gefühl: erhebend. Wie ein surreales Kunstwerk mutet die weiße Pracht an. Einfach gewaltig! Fünf Minuten haben die Passagiere der Jungfraubahn, um das Eismeer, das seinem Namen alle Ehre macht, zu bestaunen. Bevor es dann noch weiter hinauf zum Jungfraujoch, der höchstgelegenen Bahnstation Europas, geht. Voller Neugierde und Vorfreude bahne ich mir meinen Weg durch die tunnelähnlichen Gänge im Berg bis zum weltberühmten Sphinx-Observatorium, das auf 3.571 Meter thront. Der Ausblick auf den Aletschgletscher ist atemberaubend. Im Norden reicht die Sicht sogar bis zu den Vogesen. Doch nicht nur auf dem Berg, auch im Berg warten diverse Attraktionen. So zum Beispiel der Eispalast mit seinen rundum vereisten Tunneln und Eis-Skulpturen sowie dem 250 m langen Rundgang „Alpine Sensation“ mit verschiedensten Inszenierungen. Einen halben Tag verbringe ich auf dem Jungfraujoch und kehre voller Staunen zurück ins Tal.

Das Leben ist zu kurz für irgendwann: Paragliding in Interlaken

„Einmal ist einer auf der Kuppel des Hotels versehentlich gelandet. Den mussten wir dann runterholen.“ erzählt mir der Spa Manager des Victoria-Jungfrau mit einem verschmitzten Lächeln, als ich ihn nach den Risiken eines von mir geplanten Paragliding-Sprungs befrage. Die aufbauenden Worte des Concièrge Merlin Kussauer, bei dem ich schließlich den Paragliding-Flug trotz meiner inneren Unkenrufe buche, beruhigen mich auch nur beschränkt: „Diese Saison ist noch nichts passiert.“ Und ich frage mich, wie es denn in den vorherigen Saisons ausschaute?“ Egal. Der Flug ist gebucht. Morgen früh werde ich einen lang gehegten Lebenstraum Wirklichkeit werden lassen und paragliden. Denn das Leben ist zu kurz für irgendwann. Und zum Glück strahlt mich am anderen Morgen nicht nur die Sonne verheißungsvoll an, sondern auch der liebenswürdige Concierge Dragan. Er schwelgt förmlich in Erinnerungen an seine beiden Flüge. Es sei phantastisch. Nach einem kurzen Gefühlsausbruch meinerseits, umarme ich Dragan voller Dankbarkeit für seine motivierenden Worte und verabschiede mich vor dem Hotel von ihm. Und auf einmal sitze ich im Bus von „Twin Paragliding Interlaken“ und atme beruhigt auf, als mir Nicole, mein Tandem-Guide erzählt, dass sie mit über 1.000 Flügen die Dienstälteste im Paragliding-Team sei und dass ihr, als zweifacher Mutter ebenso daran gelegen sei, auch nach dem Flug glücklich weiterzuleben wie mir. Meine Zuversicht und Vorfreude wächst, während sich der Bus den pittoresken Beatenberg hinauf schlängelt.

Es gibt Orte, die weiten den Horizont in Dir

Und plötzlich geht es ganz schnell, wir steigen auf der „Luegibrüggli“ des Beatenberges aus und ich schaue auf den türkisfarbigen Thunersee und bin jetzt schon so gerührt, dass mir die Worte fehlen. Selbst wenn ich nicht fliegen würde, hätte dieser Ausblick meinen Tag bereits geadelt. Nicole, die so zierlich ist, dass ich befürchte, sie könnte unter der Last Ihres schweren Rucksacks zusammenbrechen, breitet behände den Paragliding-Schirm aus. Ich setze mir den Helm auf und höre Nicole aufmerksam zu, wie sie mir Instruktionen für den Start gibt. „Du musst erst ganz schnell, dann etwas langsamer und schließlich richtig schnell den Berg runter rennen.“ Das ist ganz wichtig. „Aha“ höre ich mich tonlos sagen. Den Berg ganz schnell herunterrennen. „Aber der Berg ist ganz schön steil und es ist hier auch ziemlich matschig“, entgegne ich vorsichtig während mir meine innere Stimme hinterlistig zuraunt: „Du hast dir erst vor vier Jahren dein Sprunggelenk gebrochen, da wird es mal wieder Zeit.“ Es ist zu spät. Denn während ich noch innere Zwiesprache halte, schnallt mir Nicole die Gurte um die Arme und verkündet frohgemut, dass die Windverhältnisse nun „tiptop“ seien und es jetzt los gehen könne. Ich sehe wie meine Beine anfangen zu rennen und ich mich plötzlich so leicht wie eine Feder fühle. Tränen laufen mir über’s Gesicht. Da ist nur dieser Moment. Das Türkis des Thunersees unter mir, der blaue, mit weißen Wolkentupfern verzierte Himmel über mir und am Horizont schneebedeckte Berge soweit meine Augen reichen. Ich weine laut vor Glück und jauchze dabei. Nicole freut sich und macht mit der GoPro Fotos. Währenddessen bedankt sie sich sogar für den tollen Start und gibt mir ein noch erhebenderes Gefühl. Sie ist großartig, genau wie das Wetter und die Landschaft an diesem Morgen. Alles in diesem Augenblick ist perfekt. Mein Lebenstraum erfüllt sich und ist noch viel gewaltiger als in meiner Phantasie. Nicole dreht sich mit mir um die eigene Achse, was fabelhaft ist und ich begrüße nun auch noch den Brienzersee, der mir funkelnd aus der Ferne entgegenblitzt. Es gibt sie also tatsächlich, Orte, die den Himmel in uns weiten. Interlaken ist so ein Ort für mich, denke ich bei mir als ich sanft wieder den Boden berühre und mein Glück über die vergangene Viertelstunde kaum fassen kann.

Dieser Beitrag entstand kurz vor der Corona-Krise im März 2020 – bevor die Reisefreiheit zum Schutz der Bevölkerung in Europa eingeschränkt wurde.


Kolumnen: "Aus dem Leben einer Hoteltesterin" Interview in der Frankfurter Rundschau FOCUS Kolumnen

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